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Frauen, Leben, Freiheit

Regina Heidecke im Gespräch mit Parastou Forouhar

13.02.2023
Parastor Forouhar [(c): Braschler-Fischer]
Parastou Forouhar Foto: Braschler/Fischer

Sie lassen sich nicht einschüchtern, weder durch staatliche Gewalt, die ihre Proteste im ganzen Land verhindern will, noch durch die wachsende Zahl der Gefangenen. Selbst harte Strafen und Hinrichtungen, die abschrecken sollen, halten junge iranische Frauen und Männer nicht mehr davon ab, weiterhin auf die Straßen gehen. Seit dem gewaltsamen Tod der 22-jährigen Iranerin Jina Mahsa Amini aus der Provinz Kurdistan sind große Teile der iranischen Gesellschaft in Aufruhr. Für die nächste Folge der Veranstaltungsreihe „Reginas Gäste“ am Sonntag, 12. März, 17 Uhr, hat die Moderatorin Regina Heidecke mit Parastou Forouhars eine iranische Künstlerin und Aktivistin eingeladen, deren Arbeiten eine eindrucksvolle und kraftvolle, politische Kunst darstellen und die dazu auffordern, immer genau hinzuschauen.

Seit der Gründung der islamischen Republik 1979 gab es immer wieder Protestbewegungen, die sich für einen demokratischen Aufbruch eingesetzt haben. Aber jedes Mal wurden sie bisher brutal niedergeschlagen. Wenn das Wort Zeitenwende einen Sinn macht, dann sicher auch hier im Iran, wo sich die Frauen gegen die strengen Regeln des Kopftuchgebots wehren und ihre Tücher vom Kopf reißen. Ja, sie verbrennen sie sogar und stellen sich offen gegen die Sittenpolizei. Doch die Welt schaut nur zu und mehr als distanzierende Worte und moralische Empörung über die Gewalt des Staates gegenüber seinen Bürgern gibt es kaum. Eine Kritik, die sich auch die deutsche Politik gefallen lassen muss.

Die iranische Künstlerin Parastou Forouhar, die seit 1991 in Deutschland im Exil lebt, hat mit einem poetischen Bild auf die Ereignisse in ihrem Land reagiert: eine große Magnolie, die ihre Mutter noch vor der islamischen Revolution in ihrem Haus in Teheran gepflanzt hatte, trägt an ihren Ästen Blätter mit der Aufschrift „Frauen, Leben, Freiheit“. Das ist der Slogan der Protestbewegung nach dem Tod der jungen Jina Masha Amini, der inzwischen in der ganzen Welt bekannt ist.

Der so geschmückte Baum im Garten ihres Elternhauses hat für Parastou Forouhar neben dem aktuellen Bezug aber noch eine weitere Bedeutung. Am 21. November 1998 wurden Dariush und Parvaneh Forouhar, führende Vertreter der reformpolitischen Opposition im Iran, brutal ermordet. Als Parastou Forouhar im vergangenen November in den Iran reiste, wurde ihr bewusst, wie sehr schon ihre Mutter sich für die Ziele und Rechte einsetzte, für die die jungen Frauen heute demonstrieren.

Jedes Jahr am Todestag ihrer Eltern reist sie nach Teheran und hat den Todes- zum Gedenktag erklärt, gemeinsam mit Freunden, Verwandten und Leidensgenossen, kein ungefährliches Unterfangen, dem sie sich Jahr für Jahr aussetzen. Obgleich Parastou Forouhar über die vielen Jahre alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, wurden die Taten nie wirklich aufgeklärt. In ihrem Buch „Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden“ beschreibt sie die Schikanen, das unerträgliche Warten, die Überwachung und Infamie des Staates bei ihrem Versuch der Aufklärung. Das Buch ist ein bewegendes Zeugnis der Verschleierung der Morde, die – offen ausgesprochen – der Geheimdienst zu verantworten hat.

Parastou Forouhar kam, nachdem sie bereits ein Kunststudium in Teheran absolviert hatte, an die Hochschule für Gestaltung in Offenbach und setzte ihr Studium fort. Dort experimentierte sie mit Zeichnungen, Fotografien, Installationen und computeranimierten Bildern, danach gründete sie ein Künstlerkollektiv und engagierte sich für Frauenrechte – bis die Nachricht vom Tod der Eltern sie am Telefon erreichte. Der Mord an ihren Eltern bedeutete eine Zäsur und seither versteht sie es, ihre politischen Erfahrungen und Überzeugungen auf ganz besondere Weise in ihre Kunst einzuarbeiten. Die zarten Schmetterlinge beispielsweise lassen erst beim zweiten Blick erahnen, wieviel politisches Unrecht in ihnen eingewirkt ist. Zum Beispiel Blutflecken, Gitterstäbe, Massengräber. Geschundene Menschenminiaturen reihen sich aneinander wie die Muster eines persischen Teppichs.

Die Künstlerin ist auch eine Kämpferin. Als ihre Anwältin, die Menschenrechtlerin und spätere Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, inhaftiert wurde, protestierte sie jahrelang und reichte schließlich Klage bei den Vereinten Nationen ein. Im Gespräch mit Regina Heidecke wird Parastou Forouhar zur aktuellen Situation im Iran, über die Geschichte ihrer Eltern und über ihre Kunst sprechen. Zurzeit hat sie eine Professur an der Kunstakademie der Universität Mainz.

Regina Heidecke hat in Frankfurt Soziologie, Germanistik und Philosophie studiert und war seit 1978 Redakteurin der Kulturredaktion beim Hessischen Rundfunk, von 2001 bis 2014 Schlussredakteurin der Sendung Kulturzeit bei 3sat. Als Filmemacherin realisierte sie für den Hessischen Rundfunk, arte und 3sat Feature und Porträts in den Bereichen Theater und Tanz/Ballett, aber auch Magazinbeiträge zu gesellschaftlichen und politischen Themen, sowie Reisefilme. Daneben war sie viele Jahre als Ballettkritikerin für HR2 tätig.

Als Redakteurin bei Kulturzeit hat sie sich vermehrt den Themen Politik, Bildung, kritischer Journalismus und Fragestellungen zum Islam und dem Nahen Osten zugewendet. Ganz besonders am Herzen lag ihr die Ausbildung und Betreuung von jungen Journalistinnen und Journalisten sowie Filmemacherinnen und Filmemachern aus Ländern wie dem Irak, Tunesien, Pakistan und Afghanistan in Kooperation mit dem ifa (Institut für Auslandsbeziehungen). In Workshops hat sie mit dem Goethe Institut in Syrien, mit dem IWPR (Institute for War and Peace Reporting) im Nordirak und mit dem SES (Senior Expert Service) in Indonesien zusammengearbeitet. Seit 2015 ist Regina Heidecke freie Journalistin und widmet sich auch verschiedenen Projekten in der Flüchtlingshilfe. Seit 2015 ist sie Sprecherin der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe Langen.

Der Eintritt zur Veranstaltung kostet 9,80 Euro. Karten im Vorverkauf gibt es im Internet unter der Adresse www.neue-stadthalle-langen.de. Tickethotline: 06103 203-455.

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