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Alte Bahnunterführung wird Gesamtkunstwerk

Große Graffiti-Aktion mit Sprayern aus ganz Deutschland

08.04.2019

Mit Farbe verschmierte Wände und immer wieder Toilettensprüche: Die alte Fußgängerunterführung, die die Bahnhofsanlage mit der Nassoviastraße verbindet, ist alles andere als eine Visitenkarte und viele Passanten ärgern sich über die Verschandlungen. Zu ihnen zählt auch der Langener Graffiti-Künstler Oliver Goeke alias Eater Parker. Doch so einfach hinnehmen will er das nicht. Vielmehr hat er es sich zum Ziel gesetzt, aus der Not eine Tugend zu machen. Seine Idee: Die Unterführung wird zu einem legalen Sportplatz für die Graffiti-Szene. Mit anderen Worten: Versierte Sprayer aus ganz Deutschland und angrenzenden Ländern verwandeln die verunstalteten Mauern in ein fantasiereiches Gesamtkunstwerk.

Der Vorschlag fand im Langener Rathaus sofort großen Anklang. Bürgermeister Frieder Gebhardt und Kulturfachdienstleiter Joachim Kolbe zollten der Initiative spontan Beifall. „Wir selbst haben angesichts unserer Haushaltslage überhaupt nicht die Mittel, um die Unterführung zu verschönern“, sagte Gebhardt.

Das machen Eater Parker und die anderen Graffiti-Künstler jetzt praktisch für Gotteslohn. Nur Speis und Trank werden von der Stadt bezahlt. Geplant ist die Aktion für das Wochenende vom 26. bis 28. April, wobei der Freitag hauptsächlich den Vorbereitungen dient und am Samstag gesprayt wird. Am Sonntag kommt dann noch der letzte Schliff.

Eater Parker ist die Bahnunterführung schon lange ein Dorn im Auge. „Ich bin es leid, wegzuschauen. Was da jetzt zu sehen ist, hat mit Graffiti nichts zu tun“, sagt der 35-Jährige, der schon seit 20 Jahren ästhetisch beeindruckende Werke sprayt – und das niemals ohne Genehmigung. In Langen zeugen beispielsweise Wände am Jugendzentrum, am Tegut-Pakplatz und in Oberlinden von seiner Gestaltungskraft, die in Form von Dinosauriern, Fabelwesen, lebensecht wirkende Szenen, plastischen Figuren, surrealen Gebilden und nahezu schreienden Schriftzügen zum Ausdruck kommt. Mit farbenfrohen und fröhlichen Bildern hatte er zusammen mit anderen Künstlern auch das ehemalige Rail One-Gleisschwellenwerk an der Liebigstraße in Szene gesetzt – kurz bevor es abgerissen wurde.

Für die Aktion in der Bahnunterführung hat Eater Parker dank seines guten Netzwerkes rund 60 bis 70 Sprayer zwischen 20 und 50 Jahren gewonnen, die dann zur großen Graffiti-Jam in Langen zusammenkommen. „Das könnte ein richtiges Woodstock für Sprayer werden“, meint der Künstler. Weil Jam im Englischen auch Marmelade bedeutet, trägt das Ganze den Namen Strawberry-Cheesecake-Jam, auch das ein Hinweis auf die Kreativität der Akteure.

In den vergangenen Tagen hat Eater Parker die Unterführung einschließlich der Zugänge schon grob in einzelne Segmente aufgeteilt und nummeriert. Die Sprayer, die ihre Farbe selber mitbringen, werden dann ohne irgendwelche Vorgaben bei der Motivwahl ans Werk gehen und jeweils ihr fünf bis sechs Meter breites Feld gestalten. Alle erhalten von der Stadt dazu eine schriftliche Genehmigung und verpflichten sich, ihren Abschnitt bis mindestens Ende 2020 in Ordnung zu halten. Mit anderen Worten: Kommt es zu illegalen Schmierereien, wird anschließend unverzüglich übermalt. Weil viele der Beteiligten nicht vor Ort leben, übernimmt Eater Parker die Patenschaft für die Unterführung und veranlasst bei Bedarf, dass offizielle Graffiti-Sprayer Hand anlegen.

Bürgermeister Gebhardt ist gespannt auf die kreative Vielfalt der Spray-Künstler und auch auf das Echo in der Bevölkerung. Auf jeden Fall bekomme Langen jetzt einen inspirierenden Schauplatz für die Gegenwartskunst. Aus der momentan schäbig wirkenden Unterführung werde eine öffentliche Galerie. Ihr umstrittenes Image haben professionell gestaltete Graffitis längst abgestreift. Heute sind sie ein Zweig der sogenannten Street-Art, halten Einzug in Ausstellungen und finden vermehrt Anerkennung und Akzeptanz als Kunstform, die ihren eigenen Regeln und Gesetzen folgt.

Eine Premiere ist die Aktion in der alten Bahnunterführung im Übrigen nicht. 1995 gab es aus gleichem Anlass – allerdings im kleineren Umfang – eine ähnliche Initiative mit versierten Sprayern. Davon existiert in YouTube sogar noch ein Video. Weil später auch der Beton anfing zu bröckeln, verpasste die Stadt der unterirdischen Verbindung im Jahr 2010 mit Hilfe des Konjunkturprogramms des Landes Hessen einen neuen Anstrich und die Schäden wurden behoben. Hinzu kamen ein Bodenbelag aus Granit-Natursteinplatten, Handläufe aus Edelstahl und eine bessere Beleuchtung. Mehr als eine halbe Million Euro wurde damals investiert.

Inzwischen ist der 33 Meter lange Durchgang mit seinen vier Zugängen über Treppen und Rampen mehr als 50 Jahre alt. Er wurde einst als Ersatz für den schienengleichen Bahnübergang gebaut, der nach Eröffnung der Brücke über die Gleise aus dem Stadtbild verschwand. Für Fußgänger und Radler ist er zwar nicht die einzige Alternative, um von der einen auf die andere Seite der Gleise zu gelangen, aber doch eine sehr beliebte, vor allem auch am Schulbeginn und – ende.

Wenn die Graffiti-Künstler am Samstag, 27. April, von 11 bis etwa 18 Uhr so richtig zugange sind, kann sich die Öffentlichkeit gerne ein Bild vom ideenreichen Potenzial der Szene machen. Das meiste zu sehen sein dürfte ab der Nachmittagszeit. Die benachbarte Gaststätte „Zur Westendhalle“ wirft den Grill an und verköstigt nicht nur die Sprayer, sondern gerne auch ihr Publikum. 

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