Das Thema Barrierefreiheit ist in Langen angekommen

Hermann Roth erläutert Arbeit als Langener Inklusionsbeauftragter

Hermann Roth, der ehrenamtliche Inklusionsbeauftragte der Stadt Langen. Foto: Stupp/Stadt Langen

Der ehrenamtliche Inklusionsbeauftragte der Stadt Langen, Hermann Roth, hat zum Jahresbeginn seine Arbeit aufgenommen. Der 63-jährige Langener ist als Rollstuhlfahrer und Mitglied des VdK Langen bereits intensiv mit dem Thema vertraut. Er fungiert in seiner Aufgabe als zentrale Kontaktperson für Verwaltung, Institutionen sowie die Langener Bürgerinnen und Bürger. Ziele sind unter anderem der Aufbau eines Netzwerkes zum Thema Inklusion sowie der Austausch mit lokalen Akteuren, Initiativen und Projekten. Jetzt blickt er in einem Interview auf sein Wirken der ersten sechs Monate zurück.

Herr Roth, was ist Ihre Aufgabe in Langen?

Ich bin Ansprechpartner für Menschen mit Behinderung, die in Ihrem täglichen Leben in Langen auf Barrieren oder Hindernisse stoßen, die Ihnen eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe erschweren oder diese sogar unmöglich machen. Meine Aufgabe ist es, mit der Stadt Langen zusammenzuarbeiten, um gemeinsam nach Lösungen dieses Problems zu suchen.

Für wen sind Sie „zuständig“?

Der Begriff Inklusion ist weit gefasst, er richtet sich im Grunde an alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, Religion oder Behinderung. Wegen der Defizite bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention haben ich mich auf die Menschen mit Behinderung in meiner Heimatstadt Langen fokussiert.

Wie kann man Sie erreichen, wenn man ein Anliegen hat?

Ich bin im Rahmen meiner offenen Sprechstunde „Inklusion“ immer mittwochs von 10 bis 15 Uhr im Begegnungszentrum Haltestelle, Elisabethenstraße 59a, anzutreffen. Man kann sich aber auch vorher bei mir anmelden. Freitags bin ich telefonisch unter der Rufnummer 0160 97864709 zwischen 14 bis 18 Uhr erreichbar. Nach Absprache ist auch ein Treffen in einem Café oder einem Büro der Stadt möglich. Man kann mir auch eine E-Mail unter der Adresse inklusion@langen.de schicken.

Würden Sie sagen, dass es heutzutage schon leichter geworden ist, sich für das Anliegen Barrierefreiheit Gehör zu verschaffen, weil es mittlerweile ein gesellschaftlicher Konsens ist, dass Barrierefreiheit eine Notwendigkeit und keine „nette Gefälligkeit“ ist?

Ja und nein. Das Thema Inklusion und Barrierefreiheit ist auch in Langen angekommen, unter anderem durch verschiedene Artikel in der Presse und im Haltestellen-Magazin Zeitlos. Oftmals höre ich noch Sätze und Argumente wie: „So viele kommen doch gar nicht mit dem Rollstuhl“ oder „Wir haben doch in Zukunft sowieso einen anderen ÖPNV“. Da ist also noch einiges zu tun und es gilt auch für mich, sich entsprechend zu vernetzten und permanent am Thema dran zu bleiben.

Wo sehen Sie in Langen noch Verbesserungsbedarf?

Die Angebote in der Stadt sollten niemanden ausschließen: Das bezieht sich auf Kultur, Sport und auch auf Dienstleistungen am Bürger, die immer noch nicht flächendeckend barrierefrei sind. So bestehen beispielsweise bei den Sommerspielen hinter der Neuen Stadthalle für Menschen mit Rollstuhl oder Rollator noch Herausforderungen, da der Rollsplitt im Biergarten die Fortbewegung erschwert. Auch unsere Langener Bäder bieten bereits barrierefreie Angebote, könnten jedoch an einigen Stellen noch weiter auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung angepasst werden.

Barrierefreiheit ist zudem in vielen Geschäften noch nicht oft gegeben, viele Gaststätten haben keinen barrierefreien Zugang und keine barrierefreien Toiletten und in den Hotels sind aus meiner Sicht viel zu wenige entsprechende Zimmer im Angebot.

Ist Langen seit Ihrem Amtsantritt schon ein Stück barrierefreier geworden?

Erfreulicherweise ja, so haben wir bereits eine fortgeschrittene systematische Erfassung der vorhandenen Barrieren in der „wheelmap-App“ unter der Federführung des Ortsverbandes vom VdK Langen vorgenommen. Mittlerweile hat auch die Polizeistation an der Südlichen Ringstraße einen barrierefreien Zugang erhalten und am Bahnhofsvorplatz wurden die Grünphase der Ampeln verlängert und die Übergänge abgesenkt. Außerdem ist es jetzt möglich, zur Tribüne und in den Biergarten des 1. FC Langen über Rampen zu fahren. Und an der Bahnstraße haben Schüler der Erich-Kästner-Schule eine Auffahrt-Hilfe aus Legosteinen vor dem Eingangsbereich des Greem Handy Shops und der Buchhandlung litera gebaut, über die die beiden Geschäfte auch für Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Rollatoren oder Kinderwagen bequem erreichbar sind.

Diese Verbesserung gehen natürlich nicht alle auf mein Konto, es zeigt sich jedoch, dass sich in unserer Stadt was tut und dass an mehreren Stellen Menschen in Vereinen und Verwaltung daran arbeiten, die Situation und die Barrierefreiheit zu verbessern. Das alles ist sehr erfreulich und es motiviert mich, meinen Teil als Inklusionsbeauftragter dazu beizutragen.

Kann der einzelne Bürger oder Ladenbesitzer etwas tun, um Barrieren im täglichen Leben abzubauen?

Ja, und das ist oft einfacher, als viele denken. Stellen Bürger beispielsweise ihre Mülltonnen zum Abholen auf die Straße, können sie darauf achten, dass auf dem Gehweg noch ein Platz für Rollatoren, Rollstühle oder Eltern mit Kinderwagen bleibt. Und Behindertenparkplätze sollten nicht einfach aus Bequemlichkeit von Nichtbehinderten zugeparkt werden, die auch woanders einen Parkplatz finden können. Dieses Verhalten zeigt in meinen Augen auch einen Mangel an Respekt vor den Menschen, die in Langen auf diese Plätze angewiesen sind. Ladenbesitzer, die die Barrierefreiheit in ihrem Geschäft verbessern möchten, können sich gerne mit mir in Verbindung setzen, um gemeinsam nach guten Lösungen zu suchen.

Die Berufung eines Inklusionsbeauftragten ist Teil des Projektes „Inklusive Innenstadt“. Dazu hatten die Stadt Langen und das Land Hessen im Sommer vergangenen Jahres die Förderregion zur modellhaften Erprobung von Maßnahmen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention gegründet. In der Stadt leben etwa 6.300 Menschen mit Behinderungen. Nähere Informationen unter gibt es hier.

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