Hyperreaktiv im Internet
Regina Heidecke im Gespräch mit Annekathrin Kohout

Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout ist am Sonntag, 17. Mai, 17 Uhr, zu Gast bei der Journalistin Regina Heidecke in der Veranstaltungsreihe „Reginas Gäste“ in der Neuen Stadthalle Langen. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit der Macht der Algorithmen im Netz und der Bedeutung sozialer Netzwerke für die öffentliche Meinung. Dabei kommt sie zu einem verblüffenden Ergebnis: Es geht eigentlich gar nicht mehr um die besondere Nachricht, den einzigartigen Skandal, das sensationelle Ereignis oder jedes andere Thema. Der rote Faden ist nur noch die Reaktion auf die Reaktion. Das sich dabei überschlagende Reaktionsmuster nennt sie die Hyperreaktion. In ihrem Buch „Hyperreaktion – Wie in den sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird” beschreibt sie, wie die überreizte Reaktionskultur aus dem Netz in die analoge Welt schwappt und was dann passiert.
Während in Australien für Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 16 Jahren das Smartphone an Schulen bereits verboten ist, klingeln hierzulande bei vielen die Alarmglocken. Zu viel und zu früher Gebrauch mache süchtig, sagen Studien. Aber warum soll die Gefahr nur Jugendliche betreffen? Und tatsächlich sind die Erwachsenen oft auch schlechte Vorbilder für ihre Kinder. Nicht nur, dass sie selber von früh bis spät an den Geräten hängen, sie versuchen darüber hinaus auch, sich im Überbietungskampf innerhalb der sozialen Medien die Pole Position zu ergattern.
Haben sich in den analogen Medien die Analysen einer Nachricht, eines Ereignisses bestenfalls zu einer öffentlichen Debatte entwickelt, so sind in den sozialen Netzwerken gar nicht mehr das eigentliche Thema, der ursprüngliche Aufreger, die Ängste oder Hoffnungen, die sich daran knüpften, von Bedeutung. Heute geht es geht alleine darum, wer die neuen Experten sind, sogenannte „digitale Autoritäten“. Kohout identifiziert damit eine neue Sozialfigur, den „hyperreaktiven Menschen“, der zu allem und jedem seine Meinung hat und sich damit positioniert.
Das Besondere an diesem Phänomen ist, dass es für viele Internet-Nutzer scheinbar unbedingt erforderlich ist, stets seine Auffassung zu allen Fragen laut und öffentlich zu äußern. Wie beispielsweise in der Debatte um Gaza und Israel, wo es nur pro und contra gibt, oder im Fall eines israelischen Dirigenten, der nach Belgien erst ein-, dann wieder ausgeladen wurde, weil er eine Art Auskunftspflicht verweigert hatte. Und das, obgleich bekannt war, dass er sich kritisch zum Krieg in Gaza geäußert hatte. Im Wettbewerb der Guten und Richtigen konnte er aber damit offensichtlich nicht mithalten.
Wer bestimmt jedoch heute, was gut und richtig oder falsch ist? Bekanntermaßen haben die sozialen Netzwerke die Deutungshoheit errungen. Dies bedeutet, die digitale Welt, die so anfällig gegen jede Form der Manipulation ist, bekommt eine Macht, die eigentlich die realen Menschen haben sollten und nicht Bots oder Trolle. Womit wir wieder bei der Anfangsfrage wären: „Wovor sollten wir unsere Kinder und uns selbst bewahren? Wie bereiten wir sie auf die Frage vor, wie wir leben wollen?“ Eine äußert spannende analoge Debatte ist also zu erwarten mit Annekathrin Kohout, der Erforscherin des Internets.
Die promovierte Kulturwissenschaftlerin und freie Autorin ist Mitherausgeberin der Buchreihe „Digitale Bildkulturen“ im Wagenbach Verlag sowie der Zeitschrift „POP. Kultur und Kritik“. Für die Zeitung „taz“ schreibt sie eine Kolumne über Internetkultur. Zuletzt erschienen von ihr Bücher über Netzfeminismus, Nerds und K-Pop.
Regina Heidecke war ab 1978 Redakteurin der Kulturredaktion beim Hessischen Rundfunk sowie von 2001 bis 2014 Schlussredakteurin der Sendung Kulturzeit bei 3sat. Als Filmemacherin realisierte sie für den Hessischen Rundfunk, arte und 3sat Features und Porträts in den Bereichen Theater, Tanz und Ballett, aber auch Magazinbeiträge zu gesellschaftlichen und politischen Themen sowie Reisefilme. Daneben war sie viele Jahre als Ballettkritikerin für hr2 tätig. Seit 2015 ist Regina Heidecke freie Journalistin.
Der Eintritt kostet 9,80 Euro. Karten im Vorverkauf gibt es unter www.neue-stadthalle-langen.de (Tickethotline 06103 203-455), in Langen im Reisebüro Mister Travel (Westendstraße 2, Telefon 06103 25021) und im Buchladen am Lutherplatz (Telefon 06103 28717) sowie bundesweit in allen Vorverkaufsstellen von AD Ticket (www.adticket.de, Tickethotline 0180 6050400).