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REGINAS GÄSTE: WOLFGANG BÜSCHER

Er hat sich einen Kindheitstraum erfüllt und lebte mehrere Monate mitten im Wald, in einer Jagdhütte ohne Licht und fließendes Wasser, dafür mit Sturm, Hitze und Käferplage. Darüber – und über noch mehr – spricht Wolfgang Büscher mit der Journalistin Regina Heidecke.

Wie soll man ihn nennen: Schriftsteller, oder besser Reiseschriftsteller, oder gar „der deutsche Chatwin“, wie das die SZ erfand? Oder einfach Autor und Journalist? Als Journalist bist du neugierig, willst mehr wissen, über Grenzen steigen, Neues entdecken und den Dingen auf den Grund gehen. Also gehst du los und lässt los, was dich fesselt und dir den Blick verstellt. Angefangen hat Wolfgang Büscher tatsächlich als Journalist und ist das auch geblieben, er schrieb für die Zeit, für Geo, die Süddeutsche Zeitung und die Welt Reportagen, die aufhorchen ließen. Da steckte mehr drin, ein literarisches Talent, eine Inspirationsfähigkeit, die dem gegeben ist, der sich einlassen und beobachten kann, der sich erfassen lässt von dem, was er sieht und erlebt. Wolfgang Büscher hat das wortwörtlich genommen und hat sich auf den Weg gemacht. Manche nennen ihn heute einen Fernwanderer.

Wolfgang Büscher, Jahrgang 1951, wächst in Volkmarsen, einer Kleinstadt bei Kassel auf. In seinem jüngsten Buch „Heimkehr“ von 2020 erfährt der Leser viel über seine Herkunft und über die Umgebung, in der er Kindheit und Jugend verbracht hat und wie sehr er davon geprägt wurde. Er streift das politische Wendejahr 1968, die Aufbrüche und Ausbrüche jener Zeit, in der sich neue Gedanken Bahn brechen mussten. Und das betrifft alles: Liebe, Politik, Studium, Berufswahl, das Leben insgesamt. Auch Wolfgang Büscher gehörte zu den jungen Leuten, die weg wollten aus gewohnten Lebensformen und der Enge, die einst Geborgenheit versprach. Er deutet das immer wieder an, es durchzieht seine Bücher wie ein unterirdisches Band, das ihn beeinflusst hat. Es sagt sich so dahin: Das Politische ist privat, das Private ist politisch, aber das sieht am Ende für jeden Lebensentwurf ganz verschieden aus.

In seinem ersten Buch „Drei Stunden Null“ erkennt man noch den Reporter, der drei deutsche Anfänge erkundet: 1945, 1968 und 1989. Und er beschreibt sie als „Deutsche Abenteuer“ – so auch der Untertitel. Darauf folgt schon ein unglaublich „hartes“ Buch: „Berlin – Moskau“. Eine Reise zu Fuß. Dieser atemberaubende Bericht von einem, der auszieht, das Laufen zu lernen, lässt einen beim Lesen nicht mehr los. Jeder Schritt, jeder Zweifel, jede Begegnung mit Menschen oder Landschaften, Orten, wird zur Erkenntnis, oder einfach so belassen, wie Büscher es sieht. Als sei man selbst derjenige, der geht, wird man gezogen von seinem Tempo, seinem weiter so, immer weiter. Dabei legt er auch Pausen ein, bleibt ein paar Tage an einem Ort, sei es, dass er eine Verabredung hat, eine Stadt näher erkunden will oder die Anstrengung ihn überwindet und ihm rät, eine Rast einzulegen. Was der Erzähler beschreibt, ist bei aller Genauigkeit der historischen Fakten immer mehr als das, es ist sein Blick, es sind seine ganz persönlichen Erfahrungen, und Wolfgang Büscher transformiert sie in Bilder, in Gefühle, in lauter kleine oder größere Wahrheiten. Das ist es wohl, was seine Leser so überzeugt und einigen seiner Bücher das Etikett Bestseller verschafft hat. 2005 schließt sich „Deutschland, eine Reise“ an, ein dreimonatelanger Fußweg um Deutschland herum, in den Grenzen nach 1989. Was macht Deutschland aus? Eine einfache Antwort gibt er darauf nicht, auf jeden Fall ist es viel mehr als Schlagworte nur andeuten können. In der Langsamkeit der Fortbewegung, den Umwegen, der Suche nach einfachen Unterkünften, manchmal bei Menschen, denen er zufällig begegnet, oder bei einer Mahlzeit spiegeln sich die Unterschiede, Traditionen und Weltanschauungen.

Wie dazwischengeraten kommt 2008 eine Sammlung unter dem Titel „Asiatische Absencen“ heraus. Die Asienfahrten belegen, dass es auch für den erfahrenen Reisenden Gegenden gibt, wo das Staunen nicht reicht, weil das Fremde eine radikal andere Wirklichkeit ist, die auch verstören kann.

2011 dann wieder so ein „hartes“ Buch. Diesmal läuft Wolfgang Büscher geradewegs zu Fuß durch Nordamerika, von der kanadischen Grenze bis runter zum Golf von Mexiko. Das Buch „Hartland“ ist benannt nach dem verlassenen Ort Hartland, der einst Heartland (Herzland!) hieß, durch den der Reisende kommt. Was für eine Begrifflichkeit für eine Erfahrung, die so viele Blickwinkel öffnet. Eines von Büschers besten Büchern, weil sich der Autor wie schon in „Berlin – Moskau“ in einem mimetischen Prozess seiner Umgebung anverwandelt und es dabei schafft, die körperlichen Anstrengungen mit den geistigen auszubalancieren.

Es folgt 2014 mit „Ein Frühling in Jerusalem“ das Eintauchen in die Altstadt von Jerusalem, dem Herzstück des Staates Israel, das so viele andere Anwärter hat, die es ebenfalls für sich beanspruchen. Jerusalem ist ein Ort, der aufgeladen ist mit Spiritualität, mit Geschichte, Religion und Politik. Nirgends in der Welt ist eine solche Mischung zu finden. Und Büscher geht diesen Spuren mit einer Leichtigkeit nach, fast mit einer tänzerischen Grazie, die verblüfft angesichts der vorherigen, körperzehrenden Wanderungen.

Vielleicht als Höhepunkt seines Schreibens kann sein neuestes Buch „Heimkehr“ gelten, die Heimkehr an den Ort der Kindheit, zumindest in dessen Nähe. Diesmal ist es der Wald, der zum Sinnbild wird für eine Art von Freiheit, die es möglich macht, sich dem eigenen Inneren zu stellen. Eine einzigartige Form des Reisens in die äußere Welt und ins eigene Innere. Aus dieser Spannung entstehen Fragen, die Regina Heidecke im Gespräch mit Wolfgang Büscher diskutieren will.

 

Preisinformationen

9,80 Euro inkl. Gebühren

 

Veranstaltungsort(e)

  • Neue Stadthalle Langen
    63225 Langen
    Südliche Ringstraße 77
    • 06103 203-401

Veranstalter