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Die Langener Haltestelle arbeitet im Corona-Modus

Das Virus verändert auch den Alltag des Begegnungszentrums

02.05.2020

Ein kleiner Erreger hält derzeit die Welt in Atem und verändert überall das Leben der Menschen. Auch das Langener Begegnungszentrum Haltestelle wird davon nicht verschont. Eigentlich wollten das Team und seine Gäste im April den 25. Geburtstag der Einrichtung mit einem großen Fest feiern. In Zeiten von Corona ist jedoch alles anders und an der Elisabethenstraße hat die Sicherheit der meist älteren Besucher oberste Priorität. Folglich musste die Party erst einmal ausfallen.

Auch den Arbeitsalltag des Hauses verändert Covid-19 direkt. „Wir holen in Normalzeiten die Menschen zu Hause ab und bieten Ihnen beispielsweise mit ‚Urlaub ohne Koffer‘ einen spannenden und erlebnisreichen Nachmittag mit vielen sozialen Kontakten“, sagt Leiter Martin Salomon. Doch jetzt sei es ein Gebot der Stunde, die Mobilität möglichst einzuschränken. „Das bedeutet: Menschen mit Demenz müssen nun daheimbleiben und Angehörige sind wieder auf sich selbst gestellt und jegliche Entlastung fehlt“, erläutert Salomon.

Doch die Haltestelle hat ihre Arbeit wegen der Krise nicht eingestellt. „Ganz im Gegenteil“, betont Mitarbeiterin Yvonne Weber. Derzeit laufe das Beratungsangebot eben fernmündlich statt mit Publikumsverkehr – „und es ist täglich viel los“.

Bei Pflegedienstkoordinatorin Patrizia Frenzel von der Sozialstation der Haltestelle, die berät und Kranke und ihre Familien unterstützt, steht in diesen Tagen das Telefon ebenfalls nicht still. Einige Patienten oder deren Angehörige sind verunsichert, ob in der Pandemie die Pflege aufrechterhalten werden kann oder sie besser darauf verzichten sollen. Patrizia Frenzel fragt sich unterdessen: „Werden Mundschutz und Desinfektionsmittel ausreichen?“

Bundesweite Nachschubprobleme sind auch ihr nicht fremd. So sind die schon vor Wochen bestellten Desinfektionsmittel zurzeit nicht lieferbar. Doch die langjährige Pflegekraft lässt sich von solchen Nachrichten so schnell nicht unterkriegen und gibt sich persönlich auf Lösungssuche. Nach viel Nachforschen findet sie die Rettung und kurze Zeit später ist alles in ausreichendem Maße vorhanden. „Wir haben schon immer mit hohen Hygienestandards gearbeitet“, meint die Pflegechefin, „doch erstmals fragen alle danach und sind erstaunt, dass dies alles für uns kein Neuland und eine Selbstverständlichkeit ist.“ Es sei schon erstaunlich, wie sich die Welt verändere. Plötzlich seien Pflegekräfte systemrelevante Helden, die Applaus bekommen. Doch nur von Klatschen könne niemand seine Lebenskosten begleichen. Patrizia Frenzel hofft deshalb, dass die Anerkennung auch nach der Krise bleibt und sich dann auf dem Gehaltszettel bemerkbar macht.

Im Homeoffice des Medienpädagogen Michael Och glühen hingegen die Drähte seines Rechners. Gerade schneidet er den ersten Film für den Online-Kanal der Haltestelle. Abgedreht wurde er mit Marianne Nagy, die seit vielen Jahren Gymnastik im Sitzen anbietet. Noch wurde viel improvisiert, doch bald schon soll alles professioneller werden. „Bei allen Einschränkungen sehen wir auch die Chancen. Denn jetzt müssen wir ran an die Digitalisierung und die Möglichkeiten, die die Medien bieten“, meint Och. „Nun können neue Wege der Kommunikation aufgebaut werden, die nach Corona den Alltag ergänzen und erweitern.“ Für den Tüftler ist klar, dass sich gerade Spannendes entwickelt. Die Haltestelle könne dabei auf ihr gut ausgestattetes und schon seit mehr als zwei Jahrzehnten bestehendes Medienzentrum aufbauen.

Und schon wieder klingelt bei Martin Salomon das Telefon. Diesmal ist es Wolfram Siegel, der Macher des Magazins „Zeitlos“, das die Haltestelle schon seit 25 Jahren auflegt. Er fragt, wo die versprochenen Artikel und Bilder bleiben? Er brauche auch noch ein neues Porträt von Stefan Kleinhenz für die „Urlaub ohne Koffer-Seite“ in der kommenden Ausgabe. Kleinhenz, der die Ausflüge organisiert, berichtet ihm über die vielen Telefonate mit „seinen Leuten“ in den vergangenen Tagen. Die Gespräche seien natürlich endlos gewesen, da alle sich sehr gefreut hätten. „Wir wollen unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht alleine lassen und haben uns deshalb erkundigt, wie es Ihnen geht“, erzählt Kleinhenz im Gespräch mit Zeitlos-Redakteur Siegel. Glücklicherweise kämen die meisten mit der aktuellen Situation zurecht und stünden nicht völlig alleine da. „Und das wollen wir ihnen auch vermitteln.“ Besonders freut den studierten Ethnologen, dass immer wieder die Frage aufkomme, wann es denn wieder mit ‚Urlaub ohne Koffer‘ losgehe. „Da schwingt eine große Begeisterung für die vergangenen Fahrten mit.“

„Sie war schon seit Langem nicht mehr so glücklich wie heute“, hört hingegen Roland Olschok von einer Tochter, deren Mutter an Demenz erkrankt ist. Der passionierte Gitarrist macht für das Begegnungszentrum Musik für Menschen mit Demenz. Normalerweise spielt er bei ihnen zu Hause auf seiner Gitarre und singt mit Ihnen. Olschok, der eigentlich im Rathaus für die sozialen Hilfen zuständig ist, hat über sein Ehrenamt den Weg in die Haltestelle gefunden. Jetzt ist er mit einem Teil seiner Arbeitszeit für ältere Menschen da und engagiert sich bei dem Projekt „Wohlsein“. „Wir Deutsche haben die Eigenschaft“, meint Martin Salomon, „immer das Schwere, das Leiden und oft die Erkrankungen in den Vordergrund zu stellen.“ Dann ergänzt er schmunzelnd: „Roland Olschok erreicht mit seinen Klängen und dem gemeinsamen Singen bei den Demenzkranken aber manchmal mehr als es bei ihnen die Medizin vermag. Das nennen wir Wohlsein“.

„Wir hatten uns zwar riesig auf unser Jubiläumsfest gefreut“, resümiert der Leiter des Begegnungszentrums, „aber wir lassen uns von dem Corona-Virus nicht unterkriegen. Wir werden gestärkt aus der Krise hervorgehen, denn wir haben viel Neues entdeckt und entwickelt.“ Wichtig sei: „Auch, wenn die Eingangspforte derzeit geschlossen ist, sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alle im Einsatz und unter der Telefonnummer 203-920 zu erreichen.“

Am 25. April 1995 wurde das Begegnungszentrum vom ehemaligen Bürgermeister Dieter Pitthan eröffnet. Entwickelt hatte das innovative und moderne Konzept die damalige Fachbereichsleiterin Marita Scheer-Schneider. Bei seiner Eröffnungsrede sagte Pitthan: „Was wir brauchen, ist ein Zentrum für das dritte Lebensalter, das sich den unterschiedlichen Bereichen öffnet. Deswegen wird die Arbeit der Haltestelle zum einen die Beratung – zum Beispiel bei Pflegebedürftigkeit – verbessern. Sie wird Eigeninitiativen und Selbsthilfeprojekte fördern, Pflege nach neuesten Standards leisten, aber auch eine bessere Vernetzung der Altenarbeit vorantreiben und vor allem immer offen sein für die Ideen der älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger.“ Diesem Konzept folgt die Einrichtung seit einem Vierteljahrhundert mit großem Erfolg. Nach den Worten von Bürgermeister Frieder Gebhardt „strahlt die Haltestelle weit über die Grenzen von Langen hinaus und wir hören immer wieder, wie einmalig das Zentrum sei. Es gibt Kommunen, die blicken mit großem Interesse auf unsere Stadt, wo seit langer Zeit eine ganz neue Form der Altenarbeit gelebt wird“, hebt Bürgermeister Frieder Gebhardt anerkennend hervor.

 

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