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„Skulptur um Verteilerkasten“

Die denkwürdige Kunst auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz

18.12.2017
Skulpur um Verteilerkasten - Stefan Kern
Der Künstler Stefan Kern hat vor 25 Jahren die „Skulptur um Verteilerkasten“ geschaffen und war jetzt mal wieder auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz. Foto: Kern

Es hat symbolische Bedeutung und Kraft, einen Baum zu pflanzen, und wenn er dann - groß geworden - mit einer Rundbank versehen wird, dann wird der Baum öffentlich an einem öffentlichen Platz. Und die Rundbank schafft den Menschen die Möglichkeit, sich an den Baum anzulehnen. So ist es auch symbolischer Ausdruck von Macht, im öffentlichen Raum nach Belieben und baugenehmigungsfrei Verteilerkästen für Strom und Telekommunikation zu pflanzen, meint aufstellen zu dürfen. Die Verteilerkästen auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz verdeutlichen das an dieser geschichtsträchtigen Stelle und in Reichweite des historischen Vierröhrenbrunnens und der ehemaligen Gerichtslinde, im Geltungsbereich der Altstadtsatzung und an einem zentralen Punkt der Wegeachse hinan zum Haupteingang der evangelischen Stadtkirche in ganz besonderer Weise.

Stefan Kern, damals Student an der Frankfurter Städelschule, stolperte vor ziemlich genau 25 Jahren genau darüber, staunte über die Rundsitzbänke um die Bäume herum und schuf dann seine erste bedeutende „Skulptur um Verteilerkasten“: eben auch eine Rundsitzbank.

Wenn man so will, in Farbe und Gestalt die grauen Kästen aufgreifend, ein die Szene konterkarierendes Kunstwerk beziehungsweise Sitzmöbel mit Tiefsinn und Humor – auch wenn kaum einer Langenerin oder kaum einem Langener das jemals aufgefallen ist. 

Aufgefallen ist das Werk aber schon Anfang der 90er Jahre bedeutenden Größen der deutschen Kunstszene wie Kaspar König (Museum Ludwig Köln) oder Jan Huet (Ex-Documenta-Chef), die die Skulptur 1995 mit dem „jungen westen“ auszeichneten, einem der ältesten und wichtigsten Kunstpreise der Bundesrepublik, vergeben von der Stadt Recklinghausen. Eine hohe Ehre für das ungewöhnliche Langener Objekt, das 1993 innerhalb des von der Stadt Langen veranstalteten Bildhauersymposions entstanden war.

Die Maler Emil Schumacher, Thomas Grochowiak, Heinrich Siepmann, Hans Werdehausen, Gustav Deppe und der Bildhauer Ernst Hermanns gründeten die Gruppe „junger westen“ 1948 in Recklinghausen mit der Absicht, den in der Zeit des Nationalsozialismus verlorenen Anschluss an die Kunst der Moderne wiederherzustellen und in diesem Rahmen eigene künstlerische Ausdrucksformen zu finden, die in der industriell geprägten Region des Ruhrgebiets verwurzelt sein sollten. Auch die Förderung des Erfahrungsaustausches unter Künstlern wurde als Ziel gesehen. Diesem Zweck dienten auch die Ausstellungen der Gruppe, zu denen zahlreiche Künstler eingeladen wurden, darunter Georg Meistermann, Hann Trier und Fritz Winter. Die Gruppe löste sich 1962 auf. Ihren Namen trägt bis heute der von der Stadt Recklinghausen seit 1948 als Förderpreis vergebene, derzeit mit 10.000 Euro dotierte Kunstpreis „junger westen“.

Stefan Kern (Jahrgang 1966) ist inzwischen ein wichtiger zeitgenössischer Künstler (jüngst mit dem Edwin-Scharff-Preis der Stadt Hamburg ausgezeichnet) mit eigener Handschrift und konsequenter Linie, die eben bis in seine Anfänge nach Langen reicht. Mit feiner Ironie, so heißt es, stellt Kern seine Arbeiten in den Grenzbereich von Kunst und Design, von reiner Ästhetik des Objekts und praktischer Verwendbarkeit. Auf diese Weise thematisiert er die alte Frage nach der „Funktion“ von Kunst: Formal beziehen sich seine Werke zwar auf Vorbilder wie Donald Judd, Sol leWitt oder Carl Andre, unterwandern jedoch die stark in der Theorie verhafteten Strategien der Minimal Art, indem Kern die Kunst als „Möblierung“ einer konkreten Nutzung zugänglich macht. Meist handelt es sich um Objekte oder Installationen, zum Beispiel Rednerpult oder Sitzgelegenheit, die einen ausgeprägt kommunikativen und physisch erfahren Charakter besitzen.

Heute lebt und arbeitet Stefan Kern in Hamburg. Und vor ein paar Tagen schaute er – zusammen mit seinem jüngsten Sohn Ferdinand – an alter Wirkungsstätte und bei Kulturfachdienstleiter Joachim Kolbe, der damals für das Symposion verantwortlich war, vorbei und beide nutzten die Stippvisite für einen Besuch bei eben dieser denkwürdigen „Skulptur um Verteilerkasten“.

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