Juli 2020

Apropos Kultur: Der Langener Kulturpreis wurde dieses Jahr „gedrittelt“

07.07.2020

Die Produktion und der Vertrieb von Büchern und Zeitungen ist mehr als ein ertragsorientiertes Gewerbe. Printmedien sind Kulturgüter, die Gesellschaft und Bildung maßgeblich prägen. Mit Blick auf das Internet und die Soziale Medien stehen sie längst vor enormen Herausforderungen und müssen ihre Identität neu erfinden. Dabei helfen engagierte Mittler, wie die beiden Langener Buchhandlungen litera und Der Buchladen und das Redaktionsteam der Langener Zeitung. Alle drei Institutionen erhalten den Kulturpreis der Stadt Langen für das Jahr 2020. Die Jury hält damit ausdrücklich ein Plädoyer für das gedruckte Wort und die Lesekultur. Dem Gremium gehören Fraktionsvertreter der Stadtverordnetenversammlung und Fachleute aus der Verwaltung an.

„Der unabhängige Buchhandel ist einer der wertvollsten Motoren des lokalen Kulturgeschehens“, sagt Bürgermeister Frieder Gebhardt. „Er ist Kulturvermittler und –förderer, holt Autoren und Wortkünstler in die Stadt, unterstützt Kindergärten und kooperiert mit Schulen.“ Für die Langenerinnen und Langener seien die beiden Buchläden kleine Kulturzentren.

Litera
Litera wurde 1979 von Ruth Zinke und Johanna Hein am Stresemannring gegründet. Das florierende Geschäft hat sich rasch einen guten Namen erworben und Stammkunden gewonnen. Nach 13 Jahren übernahm Gisela Thierolf das Ruder. Sie erweiterte die Verkaufsfläche und eröffnete darüber hinaus im Sommer 2003 eine zweite Filiale an der Bahnstraße. Im Oktober 2009 tauschte die Dependance in der Bahnstraße mit dem benachbarten Telefonladen und vergrößerte sich dabei um etwa das Doppelte. Im gleichen Jahr – pünktlich zum 30-jährigen Bestehen - gab es einen Neuanfang: Beate Neiß übernahm die Geschäftsführung des Unternehmens. Vier Jahre später bündelte die neue Chefin die Kräfte und schloss die Filiale am Stresemannring, um Miete und Personalkosten zu sparen und die eingesparten Kosten weiter in den Ausbau des Sortiments, in Lesungen und in die Leseförderung zu investieren.

In den vergangenen Jahren stellte litera zahlreiche Kooperationen auf die Beine, von denen besonders junge Leserinnen und Leser profitierten und nach wie vor profitieren. So fördert seit mehr als 30 Jahren zum Beispiel die „Aktion Lesekiste“ die Sprach- und Lesekompetenz und ganz allgemein die Bildung Langener Schulkinder. Die Buchhandlung stiftet allen Langener Schulen Lesestoff, der dann in den Bestand der Schulbücherei übergeht. Die Schüler schreiben dazu Rezensionen über die ausgewählten Titel und haben die Chance, Preise für die beste Arbeit zu gewinnen. Für die von der Stadtbücherei Langen unterstützten Lesekisten-Initiative wurde litera 2011 mit dem Gütesiegel „Lesefreude Hessen – Anerkannter Lesepartner“ vom Hessischen Kultusministerium und vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Zum Kreis der dauerhaften Kooperationspartner gehört außerdem die Deutsche Flugsicherung (DFS), mit der 2004 die „Langener Lesung“ ins Leben gerufen wurde. Bei den regelmäßigen Veranstaltungen, die sich zu einem literarischen Geheimtipp entwickelt haben, geben nationale und internationale Autoren Geschichten in den Räumlichkeiten der DFS zum Besten und erhalten dafür stets großen Beifall von Publikum und Presse.

Mit Buch- und Gutscheinspenden zu verschiedensten Anlässen bringt sich litera immer wieder vielfältig ins stadtgesellschaftliche Leben ein. Inhaberin Beate Neiss, die sich in der Langener Citymarketing-Initiative engagiert, gelingt es, mit ihrer Buchhandlung kulturelle Akzente zu setzen, den Austausch mit Einwohnern der Stadt zu fördern und damit weit mehr zu bieten, als der Online-Handel.

Der Buchladen
Gleiches gilt auch für den „Buchladen“, der 1980 in der August-Bebel-Straße nahe dem Lutherplatz eröffnete. Den Schwerpunkt ihres neu geschaffenen Ladengeschäfts mit der roten Fassade setzten die Inhaberinnen – Werbekauffrau Christel Gunkelmann-Klan und Diplom-Bibliothekarin Brigitte Raitz – auf Kinder- und Jugendbücher, hochwertiges Holzspielzeug und Gesellschaftsspiele. Erwachsene Leser fanden eine kleine, feine Auswahl zu Umweltthemen, Politik, der Frauenbewegung und Belletristik. Von Beginn legten die Chefinnen besonderen Wert auf die Atmosphäre des Geschäfts: gemütliche Leseecken, persönliche Beratung und dazu immer ganz viel Kunst und Kultur. Sinnbildlich dafür stand auch das geschwungene weinrote Sofa, das zum Firmensymbol wurde. Hier nahmen schon literarische Größen wie Rafik Schami, Harry Rowohlt oder Herta Müller Platz.

Später fand Der Buchladen eine neue Heimat im urigen Fachwerkhaus an der Wassergasse. Unter der Leitung von Christel Gunkelmann-Klan machten ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm für kleine und große Kunden, zahlreiche Lesungen, Ausstellungen und Spielnachmittage die Institution zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Treffpunkt am Rande der Altstadt.

Mit dem Umzug direkt an den Lutherplatz rückte Der Buchladen 2003 näher in die geographische Stadtmitte, expandierte und gewann neue Laufkundschaft. Nach 31 Jahren übernahm Stephan Gräbener das Traditionsgeschäft an Langens berühmtestem Kreisverkehr. Mit einem guten Gespür für die Bedürfnisse seiner Kundschaft setzte der neue Inhaber Akzente bei der Sortimentsgestaltung, knüpfte mit Foto-Ausstellungen und besonders ideenreichem Schaufensterdesign an die kreative Linie seiner Vorgängerinnen an. Heute haben Literaturfreunde sogar die Möglichkeit, bei der Suche nach neuem Lesestoff einen schmackhaften Kaffee zu genießen: Gräbener und sein Team haben in einer echten Barista-Bar leckere Heißgetränke und kleine Snacks im Angebot. Damit hat sich der Laden mit der großen Glasfront zu einem Treffpunkt entwickelt, der nicht nur mir Literatur den Geist anregt. Inhaber Stephan Gräbener mischt ebenfalls als Mitglied der Langener Citymarketing-Initiative aktiv im Stadtgeschehen mit und setzt sich immer wieder für wohltätige Zwecke wie Buchspenden an die Langener Tafel, ein.

Redaktion der Langener Zeitung
Reichlich Lesestoff bietet auch die Langener Zeitung. „Sie ist seit jeher eine klassische Lokalzeitung, die ihre Leserinnen und Leser wie kein anderes Blatt über das Geschehen in unserer Stadt informiert“, sagt Gebhardt. Ihre größte Leistung sei, dass sie seit ihren Anfängen im Jahr 1948 (als Langener „Anzeigenblatt“) bis zum heutigen Zeitpunkt ihren Ansprüchen an einen seriösen, fundierten und breit angelegten Lokaljournalismus treu geblieben ist und damit allen Veränderungen in der Medienbranche standgehalten hat. „Eine Redaktion mit solide ausgebildeten Journalisten, die sich vor Ort auskennen, ihre Netzwerke pflegen, über alle Lebensbereiche schreiben und sich für keine Veranstaltung zu schade sind, kein Ereignis vernachlässigen, auch bei kontroversen Themen sachlich bleiben und pointiert kommentieren, ist heute in einer Stadt von der Größenordnung Langens mehr denn je ein kostbares Gut“, betont der Verwaltungschef.

In Zeiten von Fake News, billigen Schlagzeilen und den oftmals unsäglichen Beiträgen in den sogenannten sozialen Medien ist die Langener Zeitung eine große Bereicherung für alle, die Wert legen auf eine möglichst objektive, vielfältige und ausgewogene Berichterstattung nach publizistischen Grundsätzen wie der Wahrhaftigkeit und der sorgfältigen Recherche. Mit journalistischem Sachverstand gelingt es der Redaktion, die Dinge auf den Punkt zu bringen, ihre Leserinnen und Leser zu informieren, aber auch zu unterhalten und sie vor allem neugierig zu machen auf die Stadt, in der sie leben. So gesehen ist die Langener Zeitung in der Tat ein „Notizbuch der Woche“, das die örtlichen Geschehnisse unter die Lupe nimmt, auf Fehlentwicklungen hinweist, aber auch hervorhebt, was alles an Positivem „rund um den Vierröhrenbrunnen“ passiert und was „Ihr Tobias“ meint.

Insofern erzeugt die Langener Zeitung selbstverständlich Meinung und kann politische Entscheidungsprozesse bis hin zu Wahlen beeinflussen. Aber das ist auch ihre durch Artikel 5 des Grundgesetzes verbriefte Aufgabe und eben auch deswegen wird sie gelesen.

Enorm wichtig ist die LZ, weil sie tagtäglich und umfangreich über das berichtet, was in Langen passiert. Dabei ist es gewiss von großem Vorteil, dass sie ihren Sitz an der Bahnstraße hat und damit im Herzen der Stadt, deren Namen das Blatt im Titel trägt. Zeitung machen bedeutet für die Redaktion nicht zuletzt, das städtische Kulturprogramm in den Fokus zu rücken. Die LZ ist längst das einzige Presseorgan, das regelmäßig und überhaupt zum Beispiel über Theater- und Kabarett-Aufführungen in der Neuen Stadthalle berichtet, Konzerte besucht, Ausstellungen ausführlich würdigt und weitere kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse zwischen Steinberg und Neurott für ihre Leserinnen und Leser aufbereitet. Überdies ist sie ein Sprachrohr für die örtlichen Vereine, deren Wettkämpfe und Aktivitäten sich auf den Seiten wiederfinden.

Der Lokaljournalismus zählt zu den Königsdisziplinen eines Reporters. Er ist nah am Leben der Menschen und leistet einen wichtigen Beitrag für die Demokratie. Anders als die weiteren klassischen Ressorts in den Medien ist bei den Lokaljournalisten neben Fachwissen auch ein breit gefächertes Allgemeinwissen gefragt. Sie müssen über kommunalpolitische Ereignisse ebenso fundiert berichten können wie über Themen, die wirtschaftlich und kulturell in der Region interessant sind. Nirgendwo sonst in der Medienwelt sind Journalist und Leser so eng miteinander verzahnt, nirgendwo sonst kann die Leser-Blatt-Bindung besser funktionieren, wenn es der Zeitung gelingt, die Themen, die buchstäblich vor der Haustür liegen, verständlich, spannend und mit Lokalkolorit gewürzt schmackhaft zuzubereiten. Dabei hat die Langener Zeitung nie den Fehler gemacht, zur Hofberichterstatterin zu werden. Zwar ist sie das offizielle „Amtsblatt“ der Stadt Langen, aber das bezieht sich ausschließlich auf die (bezahlten) amtlichen Bekanntmachungen.

Die Langener Zeitung ist überdies eine nach wie vor gerne genutzte Werbeplattform für die heimische Geschäftswelt. Der Initiative Citymarketing bietet sie in Extra-Beilagen regelmäßig die Möglichkeit, ihre Aktionen zu präsentieren, etwa in der Oster- und Weihnachtszeit oder zum Ebbelwoifest.

Das Prädikat „besonders wertvoll“ verdient die LZ auch deswegen, weil sie eine identitätsstiftende Wirkung ausübt. Sie vermittelt Heimat und gibt Alteingesessenen genauso wie Zugezogenen eine Orientierung - als klassische Printausgabe wie längst auch als E-Paper unter op-online.de. Mit dem historischen Zeitungsarchiv der LZ auf der städtischen Internetseite www.langen.de, das bis ins Jahr 1948 zurückreicht, verfügt die Stadt darüber hinaus über eine zeitgeschichtliche Sammlung, die kommenden Generationen einen Blick auf die Geschehnisse der jüngeren Vergangenheit erlaubt. Heute berichtet die LZ innerhalb der Offenbach-Post aus den Nachbarstädten und Gemeinden und darüber hinaus mit ihren Mantelseiten überregional und über das internationale Geschehen, was ihre Attraktivität steigert und wirtschaftlich notwendig ist.

Mit der Verleihung des Kulturpreises sollen die Verdienste, die sich alle drei Institutionen über Jahrzehnte hinweg für das gesellschaftliche Leben erworben haben, gewürdigt, die Anstrengungen der LZ-Redaktion, fortwährend Lesenswertes aus und über Langen zu bieten, hervorgehoben und Bedeutung und Wirkung des örtlichen Buchhandels in den Blickpunkt gerückt werden, der immer auch Zeitgeschichte abbildet.

Der Kulturpreis, mit dem die Stadt besondere Leistungen auf künstlerisch-kultureller Ebene würdigt, ist in erster Linie eine öffentliche Anerkennung. Ein Preisgeld ist damit nicht verbunden. Die Auszeichnung wird im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung überreicht. Ein Termin steht noch nicht fest.

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