Tarsus

Straßencafé in Tarsus

Tarsus liegt an der Südküste der Türkei in der Provinz Mersin, nahe der gleichnamigen Hafenstadt, inmitten eines fruchtbaren Landstrichs, der sich Cukurova nennt. Obst und Gemüse für das ganze Land wird hier mindestens zweimal im Jahr geerntet, ein Teil auch bis Deutschland exportiert. Boden und Klima eignen sich auch für den Anbau von Baumwolle. Zwei namhafte Textilfirmen haben sich daher in Tarsus angesiedelt, Arbeitgeber sind außerdem Glas-, Zement- und Chemiefabriken. Die Stadt ist aufgrund ihres expandierenden Angebots an Arbeitsplätzen auch Ziel vieler Binnenmigranten. Vor 50 Jahren hatte Tarsus gerade einmal 57.000 Einwohnerinnen und Einwohner, heute sind es mehr als 200.000, mit den umliegenden Dörfern und Gemeinden sogar 320.000.

 

Die Stadt hat ein reges soziales und kulturelles Leben, unterstützt durch Vereine und Stiftungen. Das 1998 errichtete Kulturzentrum sowie zahlreiche öffentliche ‚Locations’ bieten Raum für Feste und Veranstaltungen aller Art. Auch die Bildung kommt in Tarsus nicht zu kurz: Das renommierte „American College“ und Privatgymnasien sind neben den öffentlichen Schulen begehrte Bildungsorte für Schülerinnen und Schüler aus der näheren und weiteren Umgebung. Außerdem gibt es eine Universität mit den Fakultäten Betriebswirtschaft, Internationale Beziehungen und englische Philologie sowie eine Berufsfachhochschule für Informatik, Textil, Bürokommunikation, Verwaltung und Marketing. Sportlich können sich derzeit vor allem die Mannschaft der Basketballerinnen blicken lassen: Sie sind 2008 in die erste Liga aufgerückt. Und den Fussballclub gibt es schon über 100 Jahre!

 

Tarsus gilt als älteste Stadt Anatoliens und blickt auf eine sehr wechselvolle Geschichte zurück. Wie es heißt, war der Ort im Altertum alle fünfzig Jahre Sitz eines neuen Herrschers. Seine Wurzeln reichen weit zurück. Mythen ranken sich um seine Entstehungsgeschichte. Neuere Quellen sehen die Anfänge bereits zu Noahs Zeiten: Laon, der Enkel Noahs, habe vier Söhne gehabt. Nach Herodots Schriften wurden die vier nach der Sintflut in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Danach soll sich der eine, Terasis, an der Stelle des heutigen Tarsus angesiedelt und der Name der Stadt daher ihren Ursprung haben. Nach einer anderen Quelle, der Mythologischen Enzyklopädie von Azra Erhat, heißt es: „An der der Stelle, wo der Fluss Kydnos ins Meer mündete, wurde eine Stadt für Parthenios, den Sohn des Flussgottes, gebaut.“ Danach war dies der Anfang des heutigen Tarsus. Die griechische Mythologie wiederum erzählt die Geschichte vom geflügelten Pferd Pegasus, das sich auf den Ebenen Kilikiens verirrt, am Huf verletzt und dabei eines seiner Hufeisen verliert. Weil Hufeisen auf griechisch „Tarsos“ heißt, sei dieser Name für die Stadt geblieben. Der heutige Name „Tarsus“ kommt jedenfalls aus dem Lateinischen, die Hethiter nannten die Stadt „Tarsa“ und in der Thora der Juden hieß sie „Tarsis“.

 

Seite aus der ältesten Sammlung von PaulusbriefenMit der Islamisierung gewann Tarsus große Bedeutung als Wallfahrtsort für Muslime. Aber auch die jüdische und christliche Vergangenheit ist nicht in Vergessenheit geraten. Mehmet Canbolat, der heute in Langen lebt, stammt aus Tarsus. Er ist seit vielen Jahren als Journalist im Rhein-Main-Gebiet tätig und war maßgeblich am Zustandekommen der Städtepartnerschaft zwischen Langen und seiner Heimatstadt beteiligt. Über Tarsus sagt er: „Wie immer ich diese Stadt erlebe und wie ich sie anschaue, sie lässt mich stets mehr als ihre Geschichte, sie lässt mich ihren Mythos spüren.“ Über diesen Mythos und den berühmten Sohn der Stadt, den Apostel Paulus, und dessen Beziehung zu seiner Geburtsstadt hat Canbolat im Paulusjahr 2008 ein Heft in fünf Sprachen, herausgegeben:„Ich, Paulus aus Tarsus“. Unsere Angaben stammen zum Teil aus dieser Quelle.

 

Der Apostel Paulus wird zu Beginn unserer Zeitrechnung als Sohn einer streng jüdischen Familie in Tarsus geboren. Tarsus ist Hauptstadt der römischen Provinz Kilikien, seine Bürger genießen das Römische Bürgerrecht, was für den späteren Apostel während seiner christlichen Missionsreisen eine entscheidende Rolle spielen wird - es wird vermutet, dass Paulus nach seiner Festnahme wegen des Vorwurfs der Tempelentweihung allein schon aufgrund seines Bürgerrechts nicht das gleiche Schicksal wie Jesus ereilt. Der hohe Rang, den die Stadt im Römischen Reich einnimmt, ist auf ein Ereignis aus vorchristlicher Zeit zurückzuführen: In der Schlacht von Philippi (42 v. Chr.) hielten die Bewohner von Tarsus Caesar die Treue gegen dessen spätere Mörder Brutus und Cassius. Wegen dieser Parteinahme hatten sie nach Caesars Tod zunächst sehr zu leiden. Später wurden sie gerade deshalb von Mark Anton und Kaiser Augustus ausgezeichnet. Die Stadt erhielt den Rang einer „civitas libera“, einer freien Stadt, und wurde von der Abgabenpflicht befreit.

 

Die Pauluskirche in Tarsus wird zur Zeit als Museum genutztZu jener Zeit liegt Tarsus noch am heute 15 Kilometer entfernten Mittelmeer, in das an dieser Stelle der Fluss Kydnos mündet, der heutige Tarsus- bzw. Berdan-Fluss. Nach seiner Bekehrung und Berufung wirkt Paulus lange Jahre in freier Missionsarbeit, hauptsächlich in Damaskus und zum Teil in Petra und Philadelphia. Barnabas holt ihn nach Antiochien, der damals drittgrößten Stadt des römischen Imperiums, wo er nun auf der tragenden Basis einer Gemeinde das paulinische Evangelium verkündet. Nach dem Apostelkonvent in Jerusalem, wird er von den Uraposteln, vor allem Petrus, beauftragt, das Evangelium und das Aposteldekret an die heidenchristlichen Gemeinden zu überbringen und neue Gemeinden zu gründen. Von Antiochien, Ausgangspunkt seiner Reisen, macht er sich nun auf seine drei großen Missionsreisen. Diese führen ihn hauptsächlich durch Kleinasien, Makedonien und zu den griechischen Inseln. Tarsus, Antakya, Antalya, Perge, Yalvaç, Konya, Lystra, Derbe, Troas, Assos, Milet und Ephesus sind die wichtigsten Orte in der heutigen Türkei im Leben und Wirken des Apostel Paulus.

 

Heute erinnert in seiner Heimatstadt der Paulus-Brunnen an den großen Sohn der Stadt. Das Wasser aus dem Brunnen des Geburtshauses von Paulus gilt als heilig und heilkräftig. Daran glauben nicht nur Christen, sondern auch viele Muslime. Deren Alte Moschee befindet sich im Stadtzentrum. Sie wurde unter dem armenischen König Oshin (1307 bis 1320) als Kirche erbaut, 1415 restauriert und in eine Moschee umgewandelt. Die Große Moschee, auch Ulucami genannt, wurde 1579 auf den Fundamenten der Saint-Pierre-Kirche errichtet, die bei der Eroberung durch die Mameluken völlig zerstört worden war. Sie hat ein großes, besonders schönes Tor und ist ein bedeutendes Beispiel osmanischer Kunst. In der Nähe der Moschee befindet sich der so genannte Vierzig-Löffel-Markt, ein kleiner Handwerkerbasar aus dem 16. Jahrhundert. Der Name leitet sich von den Löffelmotiven an der Außenfassade ab.

 

Funde aus dem antiken Tarsus sind über das ganze Stadtgebiet verteilt. Längst ist nicht alles entdeckt, und archäologische Ausgrabungen sind aufwändig und teuer. Was vom alten Tarsus von Zeit zu Zeit durch Zufallsfunde zutage tritt, liegt in der Regel sechs bis sieben Meter unter der heutigen Stadt. In der Antike verlief ein bedeutender römischer Weg durch die Stadtmitte des heutigen Tarsus, der 2000 Jahre lang unter der Erde verborgen lag. Erst vor einigen Jahren wurde er bei Grabungsarbeiten für ein Einkaufszentrum wiederentdeckt. Er gilt als der längste in der Türkei und ist in seiner Art etwas Besonderes. Entlang der antiken Straße wurden auch Kanalanlagen, Marktplätze, Häuseranlagen und ein Mosaikboden gefunden. 1993 haben sich sogar Langener Schülerinnen und Schüler des Dreieich-Gymnasiums bei kleinen Ausgrabungen am Römischen Tempel beteiligt. Es bleibt spannend in Tarsus und vieles vielleicht für immer unter den Fundamenten des modernen Tarsus verborgen. Sichtbar sind die Bögen von Aquädukten, die Mulde eines römischen Theaters, auch Ruinen einer ausgedehnten Badeanlage. Aus römischer Zeit stammt auch das Kleopatra-Tor, letzter Rest der ehemaligen Stadtmauern.

 

Stadtmitte...Wer Geschichte gern vor Ort erlebt, aber auch das moderne Tarsus kennenlernen möchte, erreicht über den internationalen Flughafen von Adana, der viertgrößten Metropole der Türkei, in wenigen Stunden Langens Partnerstadt am Rande des Taurusgebirges. Auch die Umgebung von Tarsus ist sehenswert. Das Taurus-Gebirge wird in der Türkei von den Einheimischen „Toros Daglari“ genannt, abgeleitet von „Dagi“ - Berg. Es zieht sich über tausend Kilometer vom Süden der Türkischen Republik bis zum Vansee hin. Der größte Teil des Gebirges liegt in unmittelbarer Nähe zur Küste des Mittelmeers. In der Nähe von Tarsus führt ein Pass durch das Gebirge und gibt so den Zugang auf das Tiefland frei. Dieser Durchgang wird Kilikische Pforte genannt. In der Geschichte der Türkei wurde dieser Durchschlupf immer wieder von Feinden genutzt wurde, um Städte zu erobern, so zum Beispiel von Alexander dem Großen und den Kreuzrittern. Heute wird die Routenführung der „Pylae Ciliciae“ auch als Trassenführung für die Bagdadbahn genutzt. Die Fahrt durch das Taurus-Gebirge mit der Bagdadbahn gehört zum schönsten Teil der gesamten Fahrtstrecke und ist bei Touristen sehr beliebt. Es ist eine Region, wo es im Frühjahr möglich ist, morgens im Gebirge Ski zu fahren und nachmittags im warmen Wasser des Mittelmeers zu schwimmen. 

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